Referenz:Seit Mai 2003 arbeiten wir an einem langfristigen Literaturprojekt für einen Kunden aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet, der über einen großen Privatbestand an antiquarischen Büchern im Bereich der klassischen Deutschen Literatur verfügt. Unser Kunde möchte für private Zwecke einen Katalog seiner Sammlung erstellen, der einerseits eine Übersicht seiner bisher gesammelten Werke darstellt und andererseits die Texte im Kontext ihrer Epoche und Diskurse näher beleuchtet. Beispiel: Am Beispiel von Gotthold Ephraim Lessing möchten wir Ihnen unsere Arbeit in Auszügen kurz vorstellen: 1. Bibliographie, Forschungsberichte und Gesamtdarstellungen [...] 2.
Einführung in das Leben und in die Epoche des Dichters Gotthold Ephraim Lessing wurde 1729 in Kamenz bei Dresden geboren. Er stammt aus einem strenggläubigen protestantischen Elternhaus, wie so viele bedeutende Schriftsteller des 18. Jahrhunderts in Deutschland (Gottsched, Gellert, Wieland, Lichtenberg, Bürger und Lenz) Der Vater Lessings hatte aus wirtschaftlichen Gründen auf eine akademische Laufbahn verzichtet, dafür aber versucht, seinen Sohn in eine solche zu drängen. In diesem Kontext steht auch die vielzitierte Anekdote von dem fünfjährigen Gotthold Ephraim, der nur mit „einem großen, großen Haufen Bücher“ gemalt werden wollte. Lessing gehört zu den wichtigsten Vertretern der Aufklärungsliteratur in Deutschland, und seine Bedeutung für die Literatur des 18. Jahrhunderts ist kaum zu überschätzen. Es sind seine theoretischen Schriften, die einen neuen Abschnitt in der deutschen Aufklärung markieren und in die Epoche der Klassik führen. Insbesondere trug er entscheidend zur Entwicklung des bürgerlichen Trauerspiels in Deutschland bei und sprengte so die engen Festlegungen der Poetik Gottscheds. Damit wandte sich Lessing auch gegen das Ideal eines stoischen Heroismus und vertraute darauf, dass Mitleid eine Kraft sei, die den Menschen verändern und bewegen könne. Aus diesem Grund enden die Dramen Lessings häufig mit offenen Fragen und ungelösten Problemen. Lessing legt dem Leser damit keine Antwort vor, sondern fördert sein eigenes Nachdenken.
3. Analyse eines zentralen Werkes des Dichters: Emilia Galotti 3.1 Entstehungsgeschichte Lessings
Plan zur Emilia Galotti geht bis auf das Jahr 1757 zurück. Zum erstenmal
erwähnt der Dichter in einem Brief an Nicolai den Namen des Stücks und nennt
es eine „bürgerliche Virginia“. Die Entstehungsgeschichte der Emilia
Galotti ist somit auf den römischen Virginia-Stoff des Geschichtsschreibers
Titus Livius zurückzuführen. Er berichtet in seinem Werk Ab urbe condita
von dem Mädchen Virginia, die von ihrem eigenen Vater Verginius erstochen wird,
um ihre Unschuld zu bewahren, die ihr von dem tyrannischen Appius Claudius
genommen werden soll. Der Tod des Mädchens löst einen Volksaufstand gegen die
Tyrannei aus und endet mit der Wiedererrichtung des Volkstribunats – dem Recht
der Bürger gegen ein verhängtes Todesurteil. (Es liegt das Motiv der
verfolgten Unschuld vor.) Bei Lessings Wiederaufnahme des Virginia–Stoffes
konnte er natürlich nicht die Tötung der Tochter zum Aufstand der unterdrückten
Klasse erklären, sondern er wollte, wie es im Brief an Nicolai heißt, allein
„das Schicksal einer Tochter darstellen“, die „von ihrem Vater umgebracht
wird“, weil ihm „ihre Tugend werter ist, als ihr Leben“[1].
Aber erst 1772 in Wolfenbüttel begann Lessing mit der endgültigen Fassung, über
die er an seinen Bruder Karl geschrieben hat, dass es „weiter nichts, als eine
modernisierte, von allem Staatsinteresse befreite Virginia sein soll“.
(Lessing in einem Brief an seinen Bruder am 1. März 1772) 4. Wirkungsgeschichte: Emilia Galotti übte auf
den zeitgenössischen Zuschauer eine sehr starke, aber auch widersprüchliche
Wirkung aus, denn die sozialkritische Frage des Dramas sorgte für Verwirrung,
Ablehnung und führte zu Missverständnissen. Wie tief der im Drama dargestellte
Konflikt die Zeitgenossen bewegte, lässt sich aus der symbolischen Übernahme
des Quasi-Selbstmordes der Emilia in Goethes Werther belegen. Als dieser
stirbt, begleitet ihn Emilia Galotti: „Emilia Galotti lag auf dem Pulte
aufgeschlagen.“ In Emilia Galotti richtet sich Lessing an die Bereitschaft des Publikums, für die Unantastbarkeit der Menschenwürde einzutreten. Zum 200. Todestag Lessings schrieb „Die Zeit“ über Lessings Meisterwerk: „Emilia Galotti ist die radikale Kampfschrift gegen Fürstenwillkür und für Menschenwürde im Sinne der Aufklärung.“[2] |